Überlegungen


zum Engagement für das Vorlesetelefon des Arbeitskreises der Ostfriesischen Autoren und Autorinnen e.V.

33 Jahre
Mein heutiges Kalenderblatt berichtet, für Laien verständlich, vom Phänomen schwarzer Löcher in den Zentren der Galaxien. Himmelskörper verschwinden darin. Selbst das Licht saugen sie auf, kommt es in ihren Einflussbereich. Dabei ist ihre Gier so unermesslich, dass sie eingefangene Materie oder verschlungene Energie nicht vollständig absorbieren können. Sie müssen den Überschuss wieder ins All stoßen.
Das ewige Werden und Vergehen bemächtigt sich beim Lesen dieser Information sofort meiner Gedanken, dieses unergründliche Dreigestirn aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, das so festgefügt und stets im Fluss ist.
Meine Vergangenheit erscheint mir wie eine systemlose Häufung der Ereignisse, eine wie mit dem Zufallsgenerator vorgegebene Datenflut. Ich kann sie in keine logische Ordnung zwingen, noch gibt sie mir eine Orientierung für die Zukunft. Selbst die akribische Zusammenstellung meiner erinnerten Wahrnehmungen wüchse nur, ohne Auswertungsmöglichkeit, im Gleichmaß der Zeit, deren allgegenwärtiger Übergang vom Gestern zum Morgen in den Erscheinungsformen der Materie mit ihren verschiedenen Aggregatzuständen eine Entsprechung zu haben scheint, als wirke eine Kraft auf die Zeit, die sie verwandelt, so wie Temperatur und Druck die Eigenschaften eines Materials bestimmen.
Mit dreiunddreißig Jahren glaubte ich, viel vom Leben zu kennen und fand den Schlager albern, nach dem es erst im doppelten Alter richtig anfängt. Heute nähere ich mich diesen sechsundsechzig und weiß, das Leben beginnt jeden Tag. Es verschlingt die Zukunft und lässt Vergangenes nur zurück, bis uns dieser scheinbare Überschuss plötzlich wieder packt und klar macht, die Zeit ist kein Strahl. Sie ist ein Kreis, verdichtet zum Punkt, immer.
Diese christliche* Verschränkung der Zeit auf die Ewigkeit ist ein nicht zu unterschätzender Ansporn für Autoren, überdauernde Literatur zu erschaffen und zu Gehör zu bringen, am Vorlesetelefon seit 33 Jahren:
Forscherglück
Gravitationswellen, eben
Nachgewiesen, scheinen Raumzeit
Zu stauchen sowie zu dehnen;
Und wie durch Zufall steht bereit
Die Ytterbium-Atomuhr
Mit extremer Genauigkeit,
Um das Geheimnis der Natur
Zu lüften bei Gelegenheit.

13. Mai 2017

© Karl Hackelbusch

* Gregor Maria Hoff, geb. 1964, Professor für Fundamentaltheologie an der Paris Lodron Universität Salzburg, Gott im Verzug. Nichtwissen in der Religion, in: Kursbuch 180 (2014), 117-131 .




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