X-mas


Ein Deutsches Märchen nach Friedrich Wolf

Die Geschichte von der Weihnachtsgans Auguste werden die meisten bereits einmal gehört haben. Sie spielt zu einer Zeit, als in bürgerlichen Häusern noch Personal angestellt und Ehefrauen Gattinnen waren. Zusammengefasst hat sie folgende Handlung:

Der Hausherr erwirbt lange vor dem Weihnachtsfest ohne Wissen seiner Gattin eine lebende Gans. Den Kindern kann nicht vermittelt werden, dass die gefiederte Schönheit in den Ofen muss und niemand aus dem Haushalt ist in der Lage, sie zu schlachten. Selbst eine Vergiftung des Tiers scheitert und der bereits gerupfte Vogel wird schließlich als Familienmitglied aufgenommen und bekommt zum Fest eine Strickjacke.

Diese rührselige Erzählung ist nicht mehr zeitgemäß. Deshalb hier die Neufassung:

Nach der Generalprobe mit anschließendem Umtrunk erwarb Opernsänger Luitpold Löwenhaupt auf dem Wochenmarkt eine fünf Kilo schwere Gans. In seiner Weinlaune stellte er sich duftenden Braten mit saftigem Rotkraut und herzhaften Knödeln vor. Ihm lief das Wasser im Munde zusammen. Luitpold war zu Fuß und hatte mit dem zappelnden Federvieh große Mühe. Die Arme wurden ihm lahm.

Zuhause angekommen sah er reichlich mitgenommen aus und neben dem Geschnatter der rebellischen Gans musste er sich in gleicher Lautstärke die Vorhaltungen seiner Frau gefallen lassen: Was er sich dabei gedacht habe, so lange vor dem Fest eine lebende Gans zu kaufen? Wo solle die bleiben? Wer schlachte sie? Wie würden die Kinder damit umgehen?

Diese waren inzwischen wegen des Lärms zur Stelle und quengelten, dass man die schöne, liebe Gans doch nicht töten könne. Sie wollten niemals Weihnachtsbraten. Spaghetti schmeckten ohnehin viel besser.

Und schließlich erschien auch noch Theres, das Hausmädchen, schlug die Hände über dem Kopf zusammen, weil der Vogel unter sich gemacht hatte, und beklagte, jetzt wieder alles reinigen zu müssen. Als beste Lösung schien allen, die Gans vorerst in den Keller zu sperren, wohin der Vogel trotz heftigsten Widerstands gezerrt wurde. Die Kellertür schloss sich und Ruhe kehrte ein.

Nach dem Essen gingen die Eltern in den Salon, Theres nahm ein Bad, denn sie wollte noch zum Arzt, und beide Kinder wurden auf ihr Zimmer geschickt. Diese plagte allerdings das schlechte Gewissen. Hatte die arme Gans ausreichend Licht? Musste sie nicht Futter und Wasser bekommen? Sie schlichen zum Keller, um nach der Gans zu sehen. Kaum hatten sie die Tür einen Spalt breit geöffnet, stürmte der Vogel kreischend nach oben, flatterte in den Salon und stieß auf seiner Flucht das Goldfischglas vom Buffet, dessen Inhalt sich über die Chaiselongue sowie die darauf liegende Hausherrin ergoss. Mit spitzem Schrei sprang die hoch, glitschte auf dem Fisch aus und knallte vornüber in die Vitrine, aus der das Porzellan auf den Boden klirrte. Luitpold musste dem Spuk entschlossen ein Ende bereiten!

Rasch öffnete er die Haustür, um den Vogel auf die Straße zu scheuchen. Doch draußen lief der greise Jäger Karl mit seinem Hund. Der Weimaraner witterte die Gans, riss sich los und stürzte ins Haus, verfing sich mit der Leine am Spazierstock des Hausherren und beide prallten mit voller Wucht gegen die Badezimmertür. Die brach auf. Schreckensbleich starrte Theres auf die Reißzähne im Maul des Hundes und die Flinte in Karls Hand. Sie sprang aus der Wanne. Panisch floh sie an Luitpold vorbei, der, von ihrer Nacktheit benommen, zu keiner Handlung fähig, sinnierte, nichts davon gewusst zu haben, dass sein Dienstmädchen herrschaftlichere Proportionen als seine Gattin hatte. Theres hetzte auf die Straße, wo sie auf einer gefrorenen Pfütze ausrutschte und fast zu Boden fiel. Schneeflocken schmolzen auf ihrer vom Bad geröteten Haut. Ein Autofahrer wurde abgelenkt, kam in den Gegenverkehr und mit lautem Geschepper stießen die Wagen zusammen. Karl schoss auf den Vogel und traf die Badewanne. Ihr Inhalt plätscherte in den Raum. Schon bildete sich eine Menschentraube vor dem Haus und die Gans nutzte die Gelegenheit zur Flucht.


Als sie am Graben bei den Enten ankam, hörte sie noch in der Ferne das Lalülala eines Krankenwagens.



© Karl Hackelbusch

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